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Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Schneider: LRS ist ein Fall für Profis

Prof. Wolfgang Schneider forscht u. a. zur Lese-Rechtschreib-Schwäche an der Uni Würzburg

Woran erkennen Eltern eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)?


"Es fällt den Eltern meist schon im Verlauf des ersten Schuljahrs auf, dass die betroffenen Kinder Schwierigkeiten bei relativ einfachen Leseübungen haben. Liegt eine spezifische Leseschwäche vor, fällt den Eltern bei der Überprüfung der Hausaufgaben im Verlauf des zweiten Schuljahrs auf, dass die Leseflüssigkeit nicht gegeben ist, was das Leseverständnis sehr einschränkt. Handelt es sich um eine LRS, wird spätestens gegen Ende des zweiten Schuljahrs weiterhin deutlich, dass einfache Wörter auch nach wiederholter Übung nicht korrekt geschrieben werden."


Was sollten Eltern und Lehrer tun, wenn sie den Verdacht haben, dass ihr Kind unter LRS leidet?


"Es empfiehlt sich die Vorstellung des Kindes bei einer Erziehungsberatungsstelle oder in einem Institut, das sich speziell mit LRS beschäftigt. Diese Einrichtungen bieten meist eine kostenlose Diagnostik an und ermöglichen die Feststellung von Problemschwerpunkten."


Wie sieht eine professionelle LRS-Therapie aus und wie lange dauert sie?


"Eine professionelle Therapie geht von den Problemschwerpunkten aus und legt den Förderschwerpunkt auf diese Aspekte. Der Ansatz der LOS-Institute (Lehrinstitut für Orthographie und Sprachkompetenz) bietet hier ein gutes Beispiel. Weiterhin ist professionelle Therapie dadurch gekennzeichnet, dass die Wirksamkeit der Maßnahmen systematisch überprüft wird. Auch hier sind spezialisierte Institute als positive Beispiele herauszuheben. Generell gilt, dass die Therapie im Bereich der LRS längerfristig sein muss, um wirksam zu sein, also mindestens ein bis zwei Jahre in Anspruch nimmt."


Unterricht nach dem Unterricht

Eine Extraportion Lernen ist immer dann sinnvoll, wenn es mit den Noten bergab geht. Je nach Anlass und Umfang empfehlen sich verschiedene Formen der Unterstützung, zum Beispiel Nachhilfe

Eigentlich ist Lars ein guter Schüler. Aber ausgerechnet am Anfang der vierten Klasse wird er krank und kann wochenlang nicht am Unterricht teilnehmen. Zwar versucht er, mit Unterstützung von Eltern, Lehrern und Mitschülern, den Lernstoff nicht ganz zu verpassen, doch vor den anstehenden Mathetests, die auch darüber entscheiden, ob er nach der Grundschule das Gymnasium besuchen kann, hat er gehörig Bammel.
Also engagieren seine Eltern einen Mathestudenten als Nachhilfelehrer. Drei Mal pro Woche wird jeweils eine Stunde lang geübt und erklärt – bis Lars wieder auf Stand ist und den Tests gelassen entgegenblicken kann.

Madelaine wiederum hat am Ende der dritten Klasse noch große Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Selbst bekannte Wörter schreibt sie immer wieder unterschiedlich, auch in das Lesen kommt einfach kein Fluss hinein. Als bei ihr schließlich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) diagnostiziert wird, wenden sich ihre Eltern an die örtliche Niederlassung eines Nachhilfeinstituts, das sich auf diese Art Lernschwäche spezialisiert hat und entsprechend qualifizierten Förderunterricht anbietet. Den erhält Madelaine nun bis zu drei Mal pro Woche – wahrscheinlich ein bis zwei Jahre lang. Die beiden Beispiele zeigen: Ursache und Intensität der Lernprobleme eines Schülers verlangen individuelle Lösungen und Vorgehensweisen.

Dabei sind grundsätzlich zwei Formen von Unterstützung durch externe Lernbegleiter zu unterscheiden: Nachhilfe und Förderunterricht. 

Was sinnvoll ist, hängt von der Diagnose ab

Die augenfälligsten Unterschiede ergeben sich dabei aus der Dauer der Unterstützung, ihrer Zielsetzung und dem unterschiedlichen Personal beziehungsweise dem Instrumentarium, das zum Einsatz kommt. So geht es bei der Nachhilfe vornehmlich um die kurzzeitige Aufarbeitung und Beseitigung von aktuellen Verständnis- und Lernrückständen mittels am Lehrplan orientierter Materialien und Übungen.

Die Förderung bei Legasthenie hingegen ist mittelfristig angelegt und dauert oft mehrere Jahre. Ihr sollte eine ausführliche und individuelle Diagnose vorausgehen. Im Anschluss leisten speziell ausgebildete Pädagogen nachhaltige therapeutische Hilfe, die abseits augenblicklich anstehender schulischer Aufgabenstellungen angesiedelt ist (siehe auch Interview auf S. 34).
Für Eltern bedeutet das: Bevor sie entscheiden, welche Unterstützung sinnvoll ist, sollten sie ihr Kind beim Lernen und Hausaufgabenmachen genau beobachten, Gespräche mit Lehrern führen und ihr Kind zur genauen Abklärung des Problems gegebenenfalls einen Test machen lassen. 

Beweis für das Versagen des Bildungssystems?

Interessant in diesem Zusammenhang: Die meisten der rund 1,2 Millionen Kinder und Jugendlichen (davon ca. 200 000 Grundschüler), die laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung in Deutschland regelmäßig Nachhilfe erhalten, liegen in den oberen Kompetenzstufen, haben also keineswegs schlechte Noten. Vielmehr machen sich hier oftmals übersteigerte Ansprüche der Eltern bemerkbar, die ihren Kindern optimale Startchancen verschaffen wollen, so der für die Untersuchung verantwortliche Bildungsforscher Klaus Klemm. Geschätzte 900 Millionen Euro lassen sich deutsche Eltern jährlich etwas kosten, was eigentlich Aufgabe der Schulen ist: „Ein gutes öffentliches Bildungssystem sollte durch individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler gewährleisten, dass für die ganz überwiegende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen der Schulerfolg auch ohne zusätzlichen, privat finanzierten Unterricht möglich ist – insbesondere deshalb, weil nicht alle Elternhäuser gleichermaßen in der Lage sind, die Mittel für Nachhilfeunterricht aufzubringen“, kritisiert Klemm ein Schulsystem, unter dessen strukturellen Defiziten die Schwächsten leiden müssen. Einen Weg aus der Misere stellen Ganztagsschulen dar, in denen Nachhilfe unnötig ist und deshalb auch nicht praktiziert wird.

Eltern sind meist keine guten Nachhilfelehrer

Die Eltern selbst sind wegen ihrer emotionalen Nähe zum Kind am wenigsten als Nachhilfelehrer geeignet. Bei kleinen Wissenslücken sollten Klassenkameraden mit guten schulischen Leistungen oder ältere Schüler einspringen. Vorteil: Die Mitschüler können von gleich zu gleich erklären und haben einen Riecher für typische Verständnisprobleme.

Ist der Nachholbedarf größer, kommen Lehrer, Referendare oder Studenten aus dem jeweiligen Fachgebiet infrage – eine Lösung, die mit Kosten von 15 bis 20 Euro pro Stunde zu Buche schlägt, dafür aber den Vorteil hat, dass die Nachhilfelehrer über das nötige Sachwissen und geeignete Methoden der Wissensvermittlung verfügen. Das gilt meistens auch für den ähnlich teuren Einzel- oder Gruppenunterricht in kommerziellen Nachhilfeinstituten.

Wichtig hier: Eltern sollten unbedingt auf die Vertragsbedingungen (Kosten, Laufzeit, pädagogische Qualifikation des Lehrpersonals etc.) und die Zertifizierung (RAL/TÜV) achten. Prinzipiell möglich, für Grundschüler wegen der unpersönlichen Kommunikation aber kaum geeignet, ist Online-Nachhilfe.

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